Am besten macht man’s selbst

Ein Artikel von Ramón Lang, veröffentlicht am 4. Januar 2022.
Die Lesedauer beträgt ungefähr 12 Minuten.

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Über die Zeit verändern sich Meinungen. Die Technik, Produkte, Dienstleistungen, etc. entwickeln sich weiter. Bitte berücksichtige dies beim Lesen dieses Artikels.

In den letzten Monaten habe ich mich ein wenig an die Arbeit und die Arbeitsbedingungen bei der Bahn gewöhnt. Mit Jürgen, einem Arbeitskollegen, den ich aus der Ausbildung kenne, tausche ich mich hin und wieder aus. Mittlerweile kann ich sagen, dass mir die Arbeit bei der S-Bahn sehr gut gefällt und ich weder zu den Diesel-Fahrzeugen, noch zu anderen, interregionalen Strecken wechseln möchte.

Erstens gefällt mir soweit der Umstand ganz gut, dass bei der S-Bahn (in der Regel) keine Zugbegleiter mitfahren und ich somit für die Kundeninformation selbst zuständig bin. Diese Aufgabe nehme ich auch gerne wahr.

Zweitens bietet das S-Bahn-Netz mittelfristig einige Abwechslung. Zwischen Nürnberg und Bamberg wird die Strecke ausgebaut. Ein Teilstück kann ich dann ab 2022 auch befahren. Da die Bahn sehr langsam baut, wird es hier auch in zukünftigen Jahren immer mal wieder ein wenig vorwärts gehen. Dann soll im Jahr 2022 auch eine neue S-Bahn-Linie nach Neustadt a.d. Aisch eingeführt werden, die einer Strecke entlang führt, die mir vermutlich gut gefallen würde. Dazu gehören dann auch andere Fahrzeuge, auf die ich eventuell geschult werde. Zwei oder drei Jahre später bekommt dann der Franken-Thüringen-Express komplett neue Fahrzeuge, die ich zwar dann eher nicht fahren werde, aber spätestens dann werde ich auf der neuen S6 sicherlich auch zugange sein, da nochmals die Fahrzeuge gewechselt werden auf einen Typen, auf den ich bereits geschult bin.

Nachtschicht in Lauf.

Nach wie vor entsteht hin und wieder ein Konflikt zwischen meinen Service-Ansprüchen gegenüber der Bahn und dem, was die Bahn an Service leisten kann. Als ich noch bei der BVB in Basel gearbeitet hatte konnte ich noch mit gutem Gewissen gegen den Ärger der Kunden argumentieren und erklären, warum was ist, wie es ist – zumindest meistens. Hier geht das nicht ganz so einfach, da einfach oft der Kunde berechtigt Kritik übt. Zwar werde ich damit nur selten konfrontiert. Ich denke, die meisten Bahn-Kunden kennen es nicht anders und beschweren sich auch entsprechend selten beim Lokführer. Aber mir fallen Unregelmäßigkeiten schnell und stark auf. Wenn es mir irgendwie möglich ist, versuche ich auch, dem entgegenzuwirken. Aber als Lokführer sind die Mittel oft begrenzt und bei größeren Ereignissen bin ich auch nicht der einzige, der beispielsweise an Informationen gelangen möchte. Hier muss ich ganz klar selbst die Veränderung sein, die ich gerne sehen möchte. Aber wie so oft im Leben bleibt der Effekt eben gering, bzw. beschränkt sich auf die Züge, die ich selbst fahre. Grundsätzlich wäre das nicht weiter schlimm. Schade finde ich es aber besonders dann, wenn ich Potential für Verbesserung sehe, das mit sehr wenig Initiative und sehr wenig finanzieller Investition realisierbar wäre. Ich vermute stark, dass die Bahn hier nicht nur «nicht kann», sondern auch nicht will. Die verschiedenen Abteilungen und Einzelbetriebe innerhalb des Bahnkonzerns stehen sich da auch im weg, doch das ist vermutlich eine politische Diskussion, die Menschen führen müssen, die die Bahn nicht einmal in Anspruch nehmen.

Eigentlich gehört folgende Szene gar nicht mehr zur Arbeit, aber Bahn ist Bahn. Letztens sollte ich beim Stornieren eines Bahn-Tickets unterstützen. Stattdessen wurde ein neues Ticket gebucht mit zwei Bahn-Gutscheinen. Etwa eine Stunde hat die ganze Prozedur in Anspruch genommen, wobei die Stornierung in zwei Minuten erledigt war. Nun, ich bin auf Webentwicklung ein gutes Stück ausgebildet, beschäftige mich seit vielen Jahren mit Computern und programmiere selber. Und trotzdem habe ich es nicht geschafft, bei der Bahn ein Ticket zu buchen abzüglich der zwei Gutscheine. Wenn also ein dreißigjähriger, versierter Nutzer damit schon Schwierigkeiten hat, wie viele Jahre vergehen dann noch, bis man auch nur ansatzweise von Barrierefreiheit sprechen kann? Die Website widerspiegelt hier sehr gut die Realität auf Bahnhöfen und in Zügen. Des Rätsels Lösung war am Ende, dass man sich auf der Bahn-Website registrieren muss. Nur als registrierter Kunde sind Gutscheine einlösbar. Ja, wirklich 🙄. Bevor ich das herausfinden konnte, habe ich das Ganze der Bahn versucht zurückzumelden. Viermal erfolglos. Erst nach dem fünften Versuch habe ich herausgefunden, dass das Kontaktformular der Bahn nicht funktioniert, weil ich Ramón heiße. Ein einfacher Strich auf dem O verhindert, dass eine Nachricht gesendet wird. Eine Website, die mehrere zehntausend Euro gekostet hat und vermutlich auch immer noch kostet, hat ein Kontaktformular, das die eingegebenen Nachrichten nicht abschickt. Ein Kontaktformular – also eine der leichtesten Übungen in der Webentwicklung! Stattdessen wurde mit der Programmieren dieses Teils jemand beauftragt, der nicht nur «Dienst nach Vorschrift» leistet, sondern es ist auch einfach fragwürdig, was es denn aussagen soll, wenn man nur Adolf und Olaf heißen darf, wenn man mit der Bahn Kontakt aufnehmen will.

Immer wieder mal gehe ich durch die Stadt und staune über die einseitigen Umgangsformen von Mensch zu Mensch. Zwar hatte ich schon früh den Eindruck, dass die Umgangsformen in Franken etwas unfreundlicher sind, als anderswo, aber ich muss mir trotzdem immer wieder in Erinnerung rufen, dass es im Ruhrpott und in der Schweiz nicht wesentlich anders ist. Positive Begegnungen mit Fremden ist eine absolute Seltenheit, fast egal wohin man geht. Das ist sehr schade, denn oft trifft man auf Menschen, denen ihr Umfeld nicht wichtig ist, oder die aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sind, ihr eigenes Verhalten und dessen Auswirkung auf Andere zu reflektieren. Eben genau dieses Verhalten, was ich vorhin vom Programmierer geschrieben habe, der oder die dieses Kontaktformular bei der Bahn programmiert hat. Natürlich begegnen mir solche Menschen nicht nur privat, sondern auch bei der Arbeit – und dort nicht einmal nur Kunden, sondern eben auch Kollegen, die es überhaupt nicht gerne sehen, wenn man Dienstleistung lebt. Besonders anschaulich ist dieses Bild: Wenn vier Lokführer Pause haben, ist einer draußen und raucht, einer ist im ersten Pausenraum, einer im Zweiten und einer in einem dritten Aufenthaltsraum. Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen, denen ich gerne begegne. Darum weiß ich mittlerweile meistens ziemlich genau, welcher Kollege mir auf der Strecke gerade entgegenfährt.

Auch privat gibt es Ausnahmen: An der Schifflände in Basel findet man das froyo cafe, wo ich fast immer auf denselben Herren treffe, der dort die Gäste bedient. Ich gehe dort nicht nur wegen des Ambientes, der angenehmen Ruhe und dem Blick auf das Basler Drämmli hin (bzw. BLT), sondern besonders auch wegen der sehr freundlichen Bedienung. Obwohl ich es nur vielleicht drei bis vier Mal im Jahr dorthin schaffe, weiß der Herr mittlerweile sogar, was ich immer bestelle. Und das liegt sicherlich nicht einfach nur an einem guten Gedächtnis. Auf der einen Seite ist das toll. Aber auf der anderen Seite ist es doch traurig, dass man erst 500km irgendwohin reisen muss, um mal einem freundlichen Menschen zu begegnen.

Eine andere positive Begegnung hat immer wieder mal im Fernseher stattgefunden. Ueli Schmezer hat 25 Jahre den Kassensturz moderiert, eine Fernsehsendung im Schweizer Fernsehen. Obwohl ich die Sendung zwar auch inhaltlich sehr gut fand, war es doch eigentlich immer der Moderator, der die Sendung ausmachte. Weil man eben zweifellos wahrnehmen konnte, dass das, was er tut, seine eigene Überzeugung ist und dass er selbst Freude daran hat. Vor einigen Jahren hat auch Günther Jauch bei Stern TV aufgehört, Stefan Raab bei TV Total oder auch Ranga Yogeshwar bei Quarks&Co. Obwohl es die Sendungen heute immer noch oder wieder gibt, sind sie alle einfach nicht mehr dieselben. Menschen machen eben den entscheidenden Unterschied.

All diese Menschen, sei es im echten Leben oder im Fernsehen, sind so ähnlich wie Sternschnuppen. Es dauert lange, bis man sie findet und wenn sie wieder weg sind, hat es viel zu kurz gedauert. Und schon alleine in dieser kurzen Zeit, in der ich diese paar Zeilen geschrieben habe, bin ich schon einer ganzen Hand voll Menschen begegnet, wie ich sie vorhin beschrieben habe. Natürlich gibt es solche Menschen auch in meinem Freundeskreis. Aber auch wenn alle Zeichen dagegen sprechen, so finde ich meine Ansprüche eigentlich nicht zu hoch, ihnen auch außerhalb der Menschen zu begegnen, die ich sowieso schon kenne.

Das Logo von meinem Podcast.

Im beruflichen Bereich versuche ich – wie beschrieben – die Veränderung selbst zu sein. Privat habe ich nun angefangen einen Podcast zu gestalten, in dem ich Menschen das Programmieren beibringe. Das Lehren ist zwar bei weitem nicht meine Stärke. Aber ganz besonders wenn ich Websites wie die der Bahn sehe (von denen es noch reichlich andere gibt), wird in mir ein großes Unverständnis wach. Bestimmt gäbe es sehr viele Menschen, die Websites benutzerfreundlich programmieren würden. Aber warum sie nicht dort sind, wo programmiert wird, weiß ich nicht. Mir ist an verschiedenen Stellen aufgefallen, das es auch einfach kaum Möglichkeiten gibt, wo Menschen kostenlos das Programmieren lernen können, weshalb ich das selbst in die Hand genommen habe. Wie auch bei der Bahn: Damit werde ich weder Influencer, noch sonst etwas ausrichten können. Aber solche Angebote müssen existieren. Es kann nicht sein, dass ein Informatiker 5’000€ monatlich verdient und es nicht gebacken kriegt, ein anständiges Kontaktformular zu programmieren. Wobei wir gar nicht erst zur Bahn gehen müssen – denn wo es mit Datenschutz, etc. sicherheitsrelevant wird, wird es tatsächlich auch exponentiell kompliziert. Sehen wir doch einfach mal auf die Websites von Kaffees, Restaurants, Einkaufsläden usw. Jeder will im Internet sein. Vermutlich, weil heutzutage irgend ein Typ mit Brille und schnellem Wortlaut in einer schäbigen YouTube-Werbung sowas erzählt hat. Dann bezahlt ein Kaffe oder Bäcker 10-20’000€ für ihre Website und schafft es trotzdem nicht, geänderte Öffnungszeiten zu publizieren, weil sie die Website selber nicht bedienen kann, es zu aufwändig oder ihnen einfach nicht wichtig ist. Und das, obwohl so eine Funktion lediglich absolutes Anfängerwissen in Sachen Programmieren bedingen würde. Und schon sind wir wieder beim Kreis von Menschen, den ich oben beschrieben habe.

Naja, abgesehen davon verbringe ich meine Zeit manchmal mit einem kleinen Retro-Spiel. Ich weiß gar nicht mehr so genau, was eigentlich mit meinem Gameboy passiert ist, den ich als Kind mal bekommen habe. Bzw. eigentlich habe ich zwei bekommen. Das beste Spiel war und ist bis heute die erste Version von Super Mario. Leider sind fast alle folgenden Versionen dann nicht mehr so gut. Dasselbe auch bei Pokémon. Mit der Entwicklung von besseren Spielekonsolen sind halt eben auch diese Kult-Spiele auf den 3D-Zug aufgesprungen, was eben gar nicht immer nur Vorteile bringt. Um so besser, dass man sie auch heute noch spielen kann, ohne die Konsole noch besitzen zu müssen.

Irgendwann im letzten Jahr habe ich eine interessante Entdeckung im Internet gemacht. Ob es die erste und einzige erfolgreiche Online-Werbung war, die bei mir jemals Wirkung gezeigt hat? Keine Ahnung. Jedenfalls kann man in Deutschland jetzt auch Migros-Produkte bestellen. Das ist ein bisschen einfacher, denn bisher habe ich mit einem Versandkarton in der Schweiz eingekauft und diesen dann in Deutschland auf die Post gebracht.